19. Woche: @canzonett

9. bis 15. Juli

Wer bist Du und was machst Du?

Ich bin studierte Geistes- aber nicht Geisterwissenschaftlerin mit schickem lateinischen Titel und arbeite an der Ludwig-Maximilians-Universität. Wenn ich nicht gerade in einer Bibliothek, an meinem Schreibtisch, auf einer Parkbank in Nymphenburgoder verknäult auf meinem Bett über einem Buch brüte und Gedanken zu Argumenten und Texten zusammenpuzzele, bin ich oft radelnd in derStadt unterwegs, sehr wahrscheinlich auf dem Weg zu einer Chorprobe. Sollte euch abends auf der Bayer- oder Landsbergerstraße eine Radlerin überholen, die Bachmotetten in die Dämmerung schmettert, bin das im Zweifelsfall ich. Getwittert wird seit April 2008 unter dem Namen @canzonett, meistens auf Englisch, weil sich das irgendwie so ergeben hat und ich die seit der Schulzeit eingestaubten Sprachkenntnisse aufpolieren wollte. Twitter betrachte ich als sportlich-poetische Herausforderung: Ein guter Tweet ist ein aufregender Gedanke, der mich dazu einlädt, ein Stückchen Welt in meinem Kopf hin- und herzudrehenund anders zu bedenken und befühlen als sonst.

Was verbindet dich mit München? Bist du Münchner Kindl oder zuagroast?

Als echtes Münchner Kindl mit ganz und gar unmünchnerischen Eltern bin ich in der Maistraße geboren, in Schwabing aufgewachsen und zur Schule gegangen und wohne jetzt (nach kurzem Studienintermezzo im Ausland) südlich des Hauptgleisstrangs in Laim. Ich bin hier zu Hause, vom kleinen Zeh bis zu den Haaren, die sich mit Gummi nicht bändigen lassen und beim Radeln im Fahrtwind fliegen. Wenn meine Gedanken quer
durch die Stadt wirbeln und tanzen, wissen sie dabei immer, dass sie hier am richtigen Ort sind. Hier. Jetzt. Die Kirchenglocken mit ihren Stundenschlägen spannen ein Netz von Klängen quer durch die Stadt, durch das sich meine Ohren durchhangeln wie Tarzan durch seine Lianen. Überall in den Straßen funkeln vertraute Erfahrungen wie kleine Leuchttürme. Ich brauche in München kein Navigationssystem – wenn ich frühmorgens durch Laim und die Maxvorstadt radle, kann ich die Stadt im Kopf um mich herum drehen und wenden wie einen Pfannkuchen oder Brummkreisel und weiß doch immer genau, wo ich bin. Jetzt. Hier. An meinem Ort im Universum, der mir vertraut ist, dem ich vertraue und den ich liebe.

Welchen Stadtteil magst du am Liebsten, warum?

In Schwabing kenne ich fast jede Ecke und jeden Kiesel im Englischen Garten: Straßen, Häuser und Plätze vibrieren vor Geschichten, die ich mit ihnen erlebt oder über sie erfahren habe. Deshalb wird auch meine aktuelle Basis Laim meinem Heimatstadtteil kaum seinen Spitzenplatz in meinem Münchner Herzen streitig machen können. Auch die Maxvorstadt lässt als Standort des großen Büchertempel der Bayerischen Staatsbibliotheks (und meines Arbeitsplatzes) mein Herz höher schlagen, ist aber voller tückischer Strudel und unkalkulierbarer Gefahren: Wenn ihr mich (oft!) auf eine Buchhandlung oder ein Antiquariat zusteuern seht, haltet mich bitte irgendwie auf, denn bei meinen Regalen daheim biegen sich längst die Bretter durch!
Ich habe außerdem eine Schwäche für alle Stadtteile, die man vorwiegend durchs Grüne radelnd erreichen kann (also entlang der Isar oder durch den Englischen Garten). Das funktioniert bei Laim leider nicht so richtig. Dafür verstecken sich hier dies- und jenseits der Fürstenrieder Straße viele hübsche Geheimeckchen und die nettesten Nachbarn, die ich bisher gehabt habe! Sofern die Landsberger Straße nicht gerade wegen frisch ausgebuddelter Fliegerbomben gesperrt wird, kann ich auch verkehrstechnisch nicht meckern – zumindest nicht, seit ich gelernt habe, dass man hier unplattbare Mäntel für die
Fahrradreifen braucht, um frühmorgens zwischen den Bierflaschenfragmenten des Partyvolks aus Nachtgalerie und Backstage zu überleben. Wenn ich die Gleise über- oder unterquere, ist der Nymphenburger Schloßpark rasch zu erreichen – ebenso wie der Nordteil des Englischen Gartens ein verwunschener Ort, dessen Zauberschlüsselwort ich wandelnd in der Dämmerung immer wieder aufs Neue suche.

Was sind deine ultimativen München-Tipps?

•       An einem Sommerabend zum Abendläuten auf dem Kabelsteg stehen und im Glockenklang der Lukaskirche baden.
•       In der Alten Pinakothek die riesige Treppe hinauflaufen und sich erst ganz oben umdrehen, um dann ein paar Sekunden lang das Gefühl zu genießen, als ob man schwebte.
•       Und wenn man schon einmal in der Alten Pinakothek ist, sich dort auch gleich mit den Rubens-Bildern unterhalten.
•       Falls die nicht antworten, in Hellabrunn mit den Kolkraben Konversation treiben.
•       Zuschauen, wie sich Ortsfremde im Bergwerksstollen des Deutschen Museums „verlaufen“ und kurz vor dem Ausgang umkehren.
•       Kuchenessen umzingelt von antiken Statuen im Innenhof der Glypothek.
•       Sich beim Lehmkuhl einen Nachmittag lang quer durch die Neuerscheinungen auf dem Klavier schmökern, weil man sich nicht entscheiden kann, und dann viel zu viele neue Buchentdeckungen zur Kasse schleppen.
•       Oder mal den wildesten Buchträumen freien Lauf lassen und sich auf große Expedition quer durch die Antiquariate der Maxvorstadt begeben. (Bitte, haltet mich auf! Notfalls mit Hechtsprung und unter Gewalteinsatz!)
•       Die Riesentour über die Auer Dult mit wirklich *allen* Ständen machen und sich anschließend mit einem Lebkuchenherz belohnen.
•       Spontan abends in die Musikhochschule hineinschneien und in irgendein Examenskonzert hineinsetzen.
•       Sich gleich noch einmal hinten anstellen, wenn man beim Ballabeni sein Eis bekommen hat, weil man unbedingt auch noch die anderen Sorten probieren muß und die Schlange lang genug ist, um die erste Portion aufzuessen.
•       Beim Münchner Sommertheater im Englischen Garten ganz früh dasein und Territorialverhalten mit Picknickdecken trainieren.
•       Sich im Nordteil an einer schattigen Stelle einfach auf eine Wiese legen, die Augen schließen und dem Englischen Garten zuhören.
•       An einem klaren Tag gleich morgens früh um neune auf den Alten Peter steigen und München mit den Augen umarmen.

Welcher Twitterer sollte deiner Meinung nach unbedingt bei Munich Loves U mitmachen, warum?

@lahikmajoe, weil das unsere wohl einzige Chance ist, München aus der
Sicht zweier Hunde und eines Tee-Enthusiasten zu entdecken.

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